1 Der Mann
Franz Boas wurde 1858 in Deutschland geboren. Er studierte zunächst Mathematik und Physik, bevor er sich der Geografie widmete, in der gerade die Debatte Kulturdeterminismus vs. Diffusionismus stattfand. Er begab sich als Geograf 1883 auf eine Expedition nach Baffin Island, von wo er nach [Zeit] des Studiums kulturdeterminierender Faktoren bei den Inuit als Anthropologe zurückkehrte. 1885 arbeitete er mit den Ethnologen Rudolf Virchow und Adolf Bastian am Ethnologischen Museum Berlin zusammen und sein Interesse für Kulturen NW-Amerikas wuchs. 1887 emigrierte er aufgrund des aufkeimenden Faschismus und limitierter Forschungsmöglichkeiten in die USA. 1886 verbrachte er drei Monate auf Vancouver Island um mehrere indigene Stämme und deren Sprache zu erforschen. Er transkibierte Texte in indianischen Sprachen, sammelte Kunstobjekte, nahm Maße von Skeletten. Insgesamt unternahm er 12 Feldforschungen in Nordamerika mit einer Gesamtdauer von 29 Monaten. Oft wurde er dabei von George Hunt unterstützt, einem Kwakiutl-Schotten. Die Kwakiutl (insbesondere das Potlach-Ritual) stellen den Boas’schen Forschungsschwerpunkt dar; ein Großteil seiner Werke ist ihnen gewidmet. 1897 publizierte er zB „The Social Organisation and Secret Societies of the Kwakiutl Indians“, das 428 Seiten umfasste.
Boas hatte zwei Hauptziele, die er um 1900 als erfüllt sah:
„The first was to determine variations and relationships in the languages, physical characteristics and social customs of the Indian groups; the second was ‚a presentation of the culture as appears to the Indian himself’, for which the Kwakiutl were his focal group.” [Enc. S. 72]
Von 1895-1905 war er Kurator am American Museum of Natural History in NY. 1896 wurde er Lektor an der Columbia University und promovierte 1899 zum Professor. Er gründete 1902 die American Anthropological Society und wurde 1907 ihr Präsident. Er starb 1942.
2 Der Ansatz
Boas war nicht der erste amerikanische Anthropologe. Als er in die USA kam, fand er schon ethnologische Grundzüge vor, die allerdings eher in die Richtung der Eugenik tendierten. In den 1890ern kritisierte er zunehmend die komparative Methode der Evolutionisten. Für ihn war Kultur nicht ident mit Zivilgesellschaft, sondern diversitätsbezogen und basierte auf erlerntem Verhalten.
Wie die Evolutionisten analysierte auch er materielle, soziale und symbolische Gegebenheiten, allerdings um damit seine diametral entgegengesetzte Auffassung von historischem Partikularismus zu belegen. “[…] the view that all societies and cultures had their own unique history that could not be reduced to a category in some universalist scheme of development.” [Eriksen S. 14]
Seine Theorie. die auf seinen intensiven Feldforschungen beruhte, geht davon aus, dass (biologische Rasse), Sprache und Kultur nicht in Zusammenhang stehen. Sein Ansatz fand zunächst nur wenig Popularität, va weil er als selbstverständlich gesehen wurde.
“He insisted that each of these aspects of human existence must be studied with different methods – measurements and statistics for biological traits, texts and grammatical analysis for language, distributional and holistic studies for cultural phenomena. Along with stratigraphic archaeological methods to study the cultural past […] this defined the ‘four field’ anthropology Boas taught his Columbia students and which they in turn spread to the departments they and their students founded.” [Enc. S. 73]
An der University of Columbia bildete Boas mehrere Gruppen von Schülern aus die seine Theorie weiterentwickelten.
3 Die AuswirkungenSeine Schüler gliedern sich in
drei Generationen:
Die
1. Generation baute noch auf Boas’ kulturhistorischen Ansatz auf. Allerdings entwickelten sich schnell neue eigene Theorien, die sich zunehmend von denen Boas entfernten. Schwerpunkte waren nordamerikanische Indigene, weil man davon ausging, dass diese Gesellschaften im Auflösen begriffen waren. Federführend war das Bureau of American Ethnology.
Zu dieser Gruppe zählen ua Alfred Kroeber, Robert Lowie und Edward Sapir.
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Alfred Kroeber etablierte die Anthropologie in Berkeley und wurde von Robert Lowie bald gefolgt. Kroeber entwickelte die provokante kulturdeterministische Theorie, dass Erscheinungen „supraorganisch“ seien, dh unabhängig vom Organismus, und negierte dadurch den Einfluss von Biologie, Psychologie und Individuum. Er exponierte sich noch mehr durch seine Ablehnung der „technischen, ethnologischen“ Auffassung von Kultur, die er stattdessen als „spirituelle Besitztümer“ einer Gesellschaft sah. Seine Interessen beinhalteten des weiteren „cultural forms, pattern cohesion and cultural creativity“ [vgl. 2].
Er forschte unter diversen kalifornischen Indigenen und interessierte sich außerdem für Kulturökologie.
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Robert Lowie führte systematische Forschungen zu Kinship, Kulturgeschichte und interkulturellem Vergleich durch. Seine inneramerikanische Domäne waren die Indigenen der Great Plains und Südamerika, aber auch Europa gehört zu seinen regionalen Spezialisierungen. Ursprünglich ein österreich-ungarischer Emigrant, studierte er nach dem 2. Weltkrieg die deutsche Bevölkerung vor Ort.
o Der Linguist
Edward Sapir lehrte nach 15 Jahren am Canadian national museum in Ottawa zunächst in Chicago und begab sich schließlich nach Yale. Er rekonstruierte Kulturen anhand linguistischer Gegebenheiten und kam dadurch ebenfalls in einen Konflikt mit Boas bezüglich der Definition von kultureller Geschichte. Sapir interessierte sich zunehmend für den Zusammenhang Kultur – Individuum. Zu seinen Schülern zählen Margaret Mead, Ruth Benedict und Benjamin Lee Whorf, mit dem er die Hypothese aufstellte, „that the structure of a given language will affect the way in which speakers of that language think. The implication of this is that people who speak different languages will think differently.” [1, S. 499f] Seine Studien kreisen um Kultur und Persönlichkeit, sowie die generelle Definition von Kultur.
Die
2. Generation, geprägt von der Psychoanalyse und der Gestalttherapie verfolgte einen eher psychologischen Kurs, der sich stärker auf das Individuum konzentrierte.
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Ruth Benedict war die Begründerin der sogenannten „Culture and Personality School“ [vgl. 1] und veröffentlichte ihre Theorie über standardisierbare Persönlichkeitstypen 1934 in „Patterns of Culture“. Ein weiteres umstrittenes, Werk von ihr ist „The Chrysanthemum and the Sword“ (1946), das gänzlich aus der Distanz geschrieben wurde, denn Benedict war nie in Japan. Ein anderer Kritikpunkt ist zudem der stereotypisierender Charakter des Buches.
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Margaret Mead löste in den USA einen Sturm aus, als sie die Erkenntnisse ihrer Feldforschung in Samoa über Pubertät und Adoleszenz inklusive einem Kapitel über die Implikationen für die amerikanische Gesellschaft 1928 publizierte. Aufgrund seines provokanten Themas wurde das Buch als kommerziell und populärwissenschaftlich kritisiert. Ihre Feldforschungen führten sie weiters nach Neu Guinea und Bali, wo sie sich mit den Begriffen Sozialisation, Kindheit und Gender auseinandersetzte.
Nach dem Angriff auf Pearl Harbor drifteten Mead und Benedict, wie einige andere Anthropologen, in die politische Arena des Krieges. Ihre Profile der feindlichen Kulturen für das Office of Strategic Services, das später die CIA werden sollte, trugen maßgeblich zur psychologischen Kriegsführung bei.
Die
3. Generation war politisch sogar noch mehr engagiert, als ihre Vorgänger, innerpolitische, ökonomische und sozialhistorische Aspekte kennzeichnen die Forschungen dieser neuen Gruppe von Anthropologen. Sie kritisierten die Anthropologie der 1920er als ethnologischen romantisierend und stellten dem integrativen Standpunkt der Vorläufer Theorien des Dissenses und der Ungleichheit gegenüber. Neoevolutionistische Tendenzen vermischten sich durch einen Vortrag von Lévi-Strauss in New York mit dem Strukturalismus.
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Julian Steward:Er bezweifelte, dass es möglich sei eine universelle, globale Sozialtheorie zu erstellen. Sein Interesse galt der Kulturökologie.
o
Leslie White:
Er konzenrierte sich auf materialistische und technologische determinierende Faktoren.
Allgemein wird die amerikanische Anthropologie in
vier Phasen gegliedert [vgl. 1]:
1. Developmentalismus / Evolutionismus (1851-1889)
Hauptfokus war die Native American Society, da man glaubte, dass diese sich rasch „urbanisierte“.
siehe 1. Generation
2. Strukturalimus (1890-1940)siehe 2. Generation. Akademisierung der Anthropologie in den USA.
Einfluss der deutschen Anthropologie, aber auch methodischer Ansätze der britischen funktionalistischen Schule, gleichzeitig Kritik derselben, weil sie sich zu stark auf das den sozialen Aspekt konzentriere und dem restlichen Bereich der Anthropologie wenig Beachtung schenke. Die amerikanische Anthropologie erweitert den Rahmen ihrer Feldforschungen auf den Pazifik.
3. Differentiative Spezialisation (1940-1964)siehe 3. Generation
4. Postmodernismus (1965-)
Nach dem Vietnamkrieg kam es zu einem prohermeneutischen Paradigmenwechsel. Außerdem führte der technische Fortschritt in den respektiven Subwissenschaften zu ihrer zunehmenden Spezialisierung und daher zu weniger Interdisziplinarität. Weiters entwickelten sich neue Richtungen, wie zB die medizinische Anthropologie.